Eine Reise mit Umwegen

Das ist meine erste grössere Reise seit sehr langer Zeit. Endlich können Stephen und ich doch noch richtige Flitterwochen machen. Nach unserer Hochzeit im April mit nur 6 Personen auf dem Standesamt, dem Fest im engsten Kreis der Familie und den anschliessenden provisorischen Flitterwochen im Haus meiner Grossmutter, freuen wir uns darauf, nun richtig zu verreisen. Doch kann man das Reisen verlernen?

Wir waren in den Wochen vor unserer Abreise sehr gestresst. Der Umzug, der depressive Kater Simba und das Organisieren aller Papiere hielt uns auf Trab. Schliesslich sind die Umstände noch alles andere als normal. Und doch fanden wir immer wieder Trost in der chaotischen Realität des Reisens, die wir noch von vor 2 Jahren kennen.

Der Wecker klingelt und ich schrecke auf nach knapp 5 Stunden Schlaf. Ich höre Stephen: „Wir gehen in die Feeerieen!“ Und Zack auf Zack sind die Sandwich eingepackt und die Wasserinfusion für Mr. Planty Plant ist auch gelegt und wir sind schon auf dem Bus Richtung Olten Bahnhof. Noch ein kleiner Snack am Bahnhof und es geht weiter nach Basel. Am Flughafen erwartet uns das übliche Treiben von Menschen, die alle irgendwo hin wollen. Kleine Kinder sprinten durch die Halle gefolgt von Eltern, Leute warten und sehen aus, als hätten sie nicht einmal meine 5 Stunden Schlaf gehabt und die Schlangen vor den Schaltern scheinen endlos. Wie sonst auch überall hat es Markierungen am Boden, die zeigen, wo man sich hinstellen darf, die Sitzmöglichkeiten sind ebenso gekennzeichnet und überall stehen Desinfektionsspender. Neben dem Pass muss am Schalter auch ein Impfpass oder ein Covid-Zertifikat vorgewiesen werden. Ansonsten alles wie üblich. Nachdem wir unser grosses Gepäck aufgeben konnten, meint der Mann am Schalter, dass irgendetwas mit dem Fliessband nicht geht und dass unsere Koffer nicht wegfahren können, wir aber gehen dürfen.

Beim Wegräumen der Dokumente finde ich den Brief, den ich eigentlich in Olten absenden wollten mit meinem Führerschein, den ich in meiner Ferienzeit mit meinem neuen Nachnamen ausstatten lassen wollte. Mist. Wir gehen also in den ersten kleinen Kiosk, den wir finden können und fragen die Frau an der Kasse mit eher schlecht als rechtem Französisch, wo wir so eine gelbe Box für Briefe finden können. Freundlich verweist sie mich darauf, dass wir uns auf der französischen Seite des Flughafens befinden und daher zuerst zurück in die Schweiz müssen in den 2. Stock. 20 m weiter ist tatsächlich eine kleine Schweizer Fahne angebracht und wir suchen den Briefkasten im 2. Stock. Verloren fragen wir erneut jemanden. „Ah der Briefkasten, der ist ganz unten.“ Ein paar Stockwerke weiter unten – wieder keine gelbe Box. Stephen seufzt. Ich werde langsam gestresst. Ich will auf keinen Fall diesen Brief mit in die Ferien nehmen. Das muss klappen. Ich frage einen freundlichen Mann in einem Café: „Ja der Briefkasten ist natürlich oben gleich neben dem Kiosk.“ Neben dem Kiosk ist kein Briefkasten. Auch nicht im Kiosk. Oder dahinter. Stephen spricht schliesslich das Machtwort und ich gebe zu, dass unseren Flug zu erwischen eventuell doch wichtiger ist, als dieser Brief. Wir gehen also wieder ein paar Meter weiter nach Frankreich und gehen durch die Kontrolle. Es piepst und während ich darüber nachdenke, ob es tatsächlich das abgebrochene Zahnarztinstrument ist, welches seit meinem 16. Geburtstag in meinem Zahnfleisch steckt, welches mich seit Jahren immer wieder piepsen lässt, werde ich von einer Flughafen Mitarbeiterin durchsucht. Mein Handgepäck fährt in der Zeit munter weiter. Doch langsam etwas gestresst gehe ich zu Stephen und meinem Gepäck, schnalle alles über und mit Schwung stecke ich die graue Kiste in das seitliche Fliessband. In dem Moment donnert es mir, dass ich meinen Boarding Pass in der Kiste hatte. Die Kiste, die jetzt seitwärts wieder auf die andere Seite der Kontrollzone getuckert ist. Panik steigt in mir auf. Ich beichte Stephen mein Malheur und er wendet sich an das Personal, welches sich nur ungern Zeit nimmt für unser Anliegen. Die dritte Person schliesslich meint, dass der Boarding Pass eh nicht wichtig sei und ich ja schon durch die Kontrolle bin und daher nichts mehr schief gehen könne. Wir gehen weiter zum Gate, welches sich nur mit einer Glasscheibe und einer riesig langen Schlange von uns trennt. Die Leute hinter der Scheibe steigen bereits ins Flugzeug. In 25 Minuten startet der Flieger. Ich habe langsam ein richtig schlechtes Gewissen meinem Ehemann gegenüber, der nun neben der Angst vor dem Flug nun noch mit der Angst den gefürchteten Flug zu verpassen, umgehen muss.

4 Minuten vor Abflug sind wir vor der Röhre zum Flugzeug und ich strecke der Flight Attendant rasch meinen Pass entgegen. „Boarding Pass?“ fragt sie und ich schlucke. Ich erkläre ihr kurz und knapp meine Boarding Pass Geschichte und sie schickt mich zur Frau neben ihr. Diese studiert meinen Pass und schreibt irgendetwas an einem Computer während die Uhr tickt und ich Stephen’s Blick von kurz vor der Röhre auf mir spüre. Die Frau sieht genervt aus. Sie seufzt. Sie flüstert mit der Flight Attendant und drückt dann wieder etwas auf dem Drucker umher. Schliesslich steht sie auf und verschwindet wortlos. „Oh Gott“ denke ich. „Und da fliegen meine Flitterwochen dahin.“ Während Stephen und ich ganz alleine vor dem Flugzeug mit der Flight Attendant stehen, erzähle ich ihr von unserem Hin und Her mit dem Briefkasten. Freundlich bietet sie mir an, dass sie den Brief gerne für mich einwerfen kann. In dem Moment taucht die Frau von vorhin auf mit einem Lächeln auf dem Gesicht und einem frisch ausgedruckten Boarding Pass in der Hand. Und so schliesst sich der Kreis. Der Brief gelangt doch noch zum Briefkasten, der doch wichtige Boarding Pass ist nun extra nochmals von einem anderen Gate für mich ausgedruckt und wir erwischen den Flieger.

Im Flugzeug angekommen erfahren wir, dass es gleich nach uns eine einstündige Panne bei der Gepäckabgabe gab und noch 60 Gäste fehlen und der Flug deshalb noch eine Weile verschoben wird. Völlig erledigt von all den Wendungen und Überraschungen und dem schon fast vergessenen normalen Flughafenstress, schlafe ich während dem Flug ein. Gerade als die Räder den Boden von Antalya berühren, öffne ich meine Augen und blicke in Stephen’s weisses Gesicht und die weitgeöffnet Augen vom Herrn neben ihm. Der Mann völlig ausser sich sagt auf Französisch: „Ich hatte solche Angst!“ Stephen erklärt mir, wie der Flieger Mühe hatte zu landen und alles gewackelt hat und der Flieger immer wieder nochmals höher musste.

Jetzt heisst es aber entspannen. =)

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