Das Chinesische Neujahr und wie es zur Pyjama-Party kam

19.02.2018

3:00 Uhr morgens. Dunkelheit. Das ganze Bett wackelt und ich schrecke verwirrt aus einem Traum auf. Es schnarcht rund um mich. Ich setzte mich auf, während sich meine Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen. „Wo zur Hölle bin ich?“ Ich schaue nach links. Stephen liegt zusammengerollt wie ein Murmeltier auf der Seite neben mir, die rote Decke bis zu den dunklen Locken gezogen und atmet leise. Ich schaue nach rechts und sehe auf meiner Kopfhöhe ein weiteres rotes Bündel liegen. Eine Frau, die ich noch nie zuvor gesehen habe, liegt auf dem Sofa und schnarcht ein wenig. „Okay….“ Ich drehe mich auf den Bauch und kratze mich am Ellbogen, der von Mückenstichen übersäht ist. Und plötzlich ein abruptes Schnarchen, fast wie ein Husten, ertönt hinter mir und ich drehe mich erschrocken danach um. Ein Mann, den ich ebenfalls vorher noch nie gesehen habe, sitzt auf der Bank neben der Frau. Sein Oberkörper hängt schlaf über seinen Schoss, seine Hände berühren knapp den Boden neben den Füssen, die auf meiner Seite der Matratze sind. „Aha. Deshalb kann ich meine Beine nicht ausstrecken.“ Immer wieder atmet er tief ein und aus und grunzt dazu während sein grosser Oberkörper gefährlich hin und her schwankt. Ich ziehe meine Beine noch etwas näher an mich heran. Schliesslich wieder dieses Wackeln. „Es soll aufhören…“ murmelt Stephen neben mir, der ebenfalls seine Beine nicht ausstrecken kann. Nun sehe ich auch wieso, ein drei Monate alter Welpe, fast so gross wie manch ausgewachsener Hund, liegt am unteren Ende der Matratze und kratzt mit seinem Fuss sein linkes Ohr. Das Bett wackelt wieder. Ein weiteres Stöhnen von Stephen, der wieder halb eingeschlafen ist. Der Mann bei meinen Füssen grunzt, sein Körper bebt kurz, dann wieder Stille. Ich höre Grillen draussen. Der Welpe setzt sich auf und blickt mich schräg an. Ich mustere ihn verschlafen und streichle ihn hinter seinem Ohr. Dann ergreife ich meine Chance und strecke wenigstens eines meiner Beine aus. „Komisch.“ Ich zucke die Schultern, kratze noch einmal an meinen Mückenstichen und lege mich wieder auf die Seite. Kurz bevor ich wieder eingeschlafen bin, fühle ich den schweren Kopf des Hundes auf meinen Schenkel sinken.

pyjama party

Wie so oft im Leben, gibt es zu einer merkwürdigen Situation eine Reihe von merkwürdigen Events, die vorhergingen.

18.02.2018

7:00 Uhr morgens. Die Sonne scheint. Der Wecker klingelt und ich suche noch schläfrig nach meinem Handy. Ich spüre das Moskitonetz an meinen Fingern und öffne irritiert meine Augen. Seufzend hebe ich das Netz an und greife darunter nach meinem piepsenden Handy. Ich klettere unter dem Netz hervor und stehe im 12-Bett-Schlafsaal vom Mia Mia Hostel in Otres Village. Da die Preise in den Tagen vor und nach dem chinesischen Neujahr hochgehen, (da alle Chinesen frei haben und viele dies am Meer feiern), haben wir uns entschieden für ein paar Tage nach Kampot zu gehen. Um 7:30 Uhr sitzen wir im „Done Right“ Hostel und frühstücken. Während ich meinen Hippy-Porridge mit Bananen und Sojamilch löffle, sieht mich Stephen leidend an. „Wollen wir uns das wirklich antun?“ Ich  blicke leidend in meinen Kaffee. Jetzt ein Tuk Tuk nach Sihanoukville nehmen, mit dem Stray-Bus ein paar Stunden nach Kampot fahren für zwei Nächte, dann wieder zurückreisen mit dem öffentlichen Bus für unser Vorstellungsgespräch am Dienstag. Wir greifen synchron nach unseren Handys und starren auf den Bildschirm während wir Booking.com wieder und wieder aktualisieren. Es gibt kaum mehr Unterkünfte. Ein paar wenige, viel zu teure sind noch da. Und ab und zu gibt es für eine Minute etwas aufgeschaltet, dass zwar auch überteuert ist, aber begehrt wie ein Hundekeks ist in einem Haufen Welpen. „Da! Ein Bungalow in Otres wurde frei!“ Während wir darüber diskutieren, ob es teurer kommt, eine Nacht in einem überteuerten Bungalow zu schlafen oder nach Kampot zu reisen, ist es schon wieder ausgebucht. „Mist.“ Wir drücken weiter alle paar Sekunden auf den Refresh Knopf.

Es ist 8:15 Uhr morgens. Die Uhr tickt. Entweder rennen wir jetzt los und nehmen ein Tuk Tuk, oder wir verpassen den Bus und bleiben hier. Da entdecken wir ein Hotel in Sihanoukville Downtown. Eine Nacht für 20 Dollars. Schäbige Gegend, aber das momentan weitaus günstigste Angebot. Wir buchen, während wir nun definitiv zu spät sind für den Bus nach Kampot. Nach dem wir überstürzt gebucht haben, suchen wir das Hotel auf Tripadvisor. Die Leute schimpfen in ihren Kommentaren in jeglichen Sprachen über das Hotel. Wir schlucken schwer. „Kostenlose Stornierung nicht möglich.“ Beim Bezahlen erfahren wir, dass im Done Right gerade ein paar Betten freigeworden sind. Wir rufen beim Hotel an, doch der Manager ist wenig hilfsbereit. Also behalten wir die Buchung im skurrilen Hotel in Downtown.

14:00 Uhr nachmittags. Zurück im Mia Mia Hostel. Wir warten, da unsere Wäsche erst um 17:00 Uhr abholbereit ist. Es macht wenig Sinn nach Sihanoukville zu fahren um einzuchecken und dann wieder zurück reisen, um die Wäsche zu holen. Wir klären mit dem Hotel ab zwischen 22:00 Uhr und 23:00 Uhr einzuchecken. Stephen und ich spielen schon eine Weile Phase 10 im oberen Stock, der sogenannten „Chill Area“, des neugebauten, holzzeltartigen Hostels. Dann tauchen zwei Männer unten neben der Bar auf und wedeln aufgeregt mit zwei Schweizerpässen rum. Der eine erkennt uns oben und winkt uns zu. Schnell wird uns bewusst, dass es sich bei den beiden Pässen um unsere handelt und dass wohl etwas mit dem Visum nicht geklappt hat. Zum Glück haben wir nicht im Done Right einchecken können, ansonsten wären wir vermutlich dort geblieben und die Männer hätten uns heute gar nicht gefunden.

Mehr zu der ganzen Visa-Sache ein anderes Mal- diese Geschichte läuft noch.

14:30 Uhr nachmittgas. Hitze. Eine solche, wie es die Leute hier selten erleben. Schweissnass und hungrig sitzen wir in unserem Lieblingsrestaurant Jin.

15:30 Uhr nachmittags. Mia Mia Hostel, Chill Area. Ich schlafe auf einem von zwei Sofas für eine halbe Stunde, unwissend, was noch kommen wird.

17:00 Uhr abends. Wir holen die Wäsche ab.

18:00 Uhr abends. Spaziergang durch Otres Village. Wir entdecken neue Projekte und kühlen uns unter einem Ventilator im Jumanji.

20:00 Uhr abends. Noch immer: Elende Hitze. Wir sitzen im „Living Room“, wo heute ein Poetryslam und Live Musik stattfinden. Unsere ersten Freunde, ein Pärchen auf Weltreise, haben ein leckeres veganes Thaicurry gekocht. Unser Nachbar, der vegane Tätowierer tritt mit seinem Kumpel auf. Es ist so heiss, dass viele schlaf am Boden liegen, wie die halbtote Kakerlake, mit der die beiden Welpen im Mia Mia gestern gespielt haben. Die Luft wird immer drückender und es fühlt sich an, als wäre man in einem Hallenbad… oder doch sogar einer Dampfsauna.

21:30 Uhr abends. Und da endlich löst sich die Anspannung mit einem lauten Platzregen. Unser erster Regen in Kambodscha. Manche stehen begeistert auf und tanzen. Blöderweise müssen wir aber bald gehen, damit wir rechtzeitig beim Check-In in Sihanoukville sind.

22:00 Uhr abends. Es regnet nicht mehr. „Du, wir sollten langsam los“ Meint Stephen und zeigt auf die Uhr auf seinem Handy. Wir laufen also zurück zum Mia Mia, wo unser Gepäck steht. Wir satteln unsere Rucksäcke und machen uns auf an die Hauptstrasse um ein Tuk Tuk zu nehmen.

22:15 Uhr abends. Es beginnt wieder heftig an zu regnen. Ein Gewitter kommt näher. Wir stehen nur 50m vom Mia Mia unter einem kleinen Unterstand. Es regnet und regnet während das Gewitter lauter wird. „Aaaah!“ schreie ich entsetzt durch die Nacht, als der ganze Himmel kurz hell wird vom Gewitter. Als der Regen etwas nachlässt retten wir uns zur nächsten Bar, wo man uns auf bessere Zeiten warten lässt. Langsam wird es echt knapp mit dem Check-In. Ich versuche das Hotel anzurufen, während Stephen nach einem Tuk Tuk Ausschau hält. Der Hörer wird abgenommen, doch niemand antwortet. Über die laute Musik der Bar, den plätschernden Regen und das grollende Gewitter hinweg rufe ich, dass wir feststecken und etwas später ankommen. Wir schreiben sogar noch eine Mail.

23:00 Uhr nachts. Der Regen hat etwas nachgelassen und wir erwischen tatsächlich ein Tuk Tuk. „Wie in einem Sherlock Holmes Film!“ Strahlt Stephen, als wir in das kutschenartige Gefährt einsteigen. Es hat sogar eine Art Regenmantel um, so dass wir auf der Fahrt nach Sihanoukville etwas trocknen können.

23:25 Uhr nachts. Vor dem Gitter des Hotels. Es regnet wieder. „Er sagt, er sei nur Nachtwächter. Das Hotel ist ausgebucht. Er kann euch nicht reinlassen.“ Übersetzt uns der Tuk Tuk Fahrer, während wir fassungslos von ihm zum Jungen hinter dem Gitter hin und her blicken. Der Junge ist so nett und gibt uns den WLAN Code, damit wir kurz vor Mitternacht nach einer Unterkunft suchen können. Es gibt keine freien Zimmer im Umkreis von 50km. Erschlagen bitten wir den Tuk Tuk Fahrer uns zurück nach Otres Village zu fahren.

00:00 Uhr Mitternacht. Es regnet und Otres Village schläft langsam ein. Mia Mia ist einer der einzigen Orte in dem kleinen Dorf, der noch Licht hat. Geknickt gehen wir zum Mann hinter dem Tresen und erzählen ihm von unserer Misere. Er hat Erbarmen mit uns und lässt uns bei diesem Wetter nicht auf der Strasse schlafen. „Eines der Sofas oben ist noch frei. Ihr könnt die Matte vom Sofa auf den Boden nehmen.“ Er holt uns sogar noch zwei Decken und ein Kissen. Als wir erschöpft und dankbar alles nach oben schleppen, strahlt uns ein junger Mann an: „Ah, ihr schläft also oben bei mir?“. Vermutlich hat er heute Nacht ein ähnliches Schicksal wie wir. Wir trinken auf den langen Abend noch ein Bier, ziehen uns etwas Trockenes an und kuscheln uns dann in der Chill Area in die roten Decken. Die Ankunft der zwei anderen verlorenen Seelen bekommen wir nicht mehr mit.

19.02.2018

9:30 Uhr morgens. Die Sonne scheint. Ich liege neben Stephen auf der Matratze am Boden. Das Sofa neben uns ist leer, auch der Welpe ist schon aufgestanden. Der lautschnarchende Typ, der im Sitzen geschlafen hat, liegt nun auf dem anderen Sofa und schnarcht nicht mehr. Als wir auch die Decken und Anzüge der anderen Backpacker, die im Mia Mia Unterschlupf fanden, aufgeräumt haben, bedanken wir uns bei unseren Rettern. Sie wollen kein Geld annehmen, doch bieten uns an eine Spende an das lokale Hilfswerk „Shine Cambodia“ zu machen. Das tun wir gerne.

Durch das Mia Mia erfahren wir auch von dem wöchentlichen Dorfputz. Wir melden uns freiwillig am Nachmittag Müll einzusammeln. Dies ist eine interessante Erfahrung. Zum einen schockierend, weil es hier, so wie auch allgemein in Südostasien, extrem viel Plastikmüll herumliegen gibt. Zum anderen ist es aber auch eine sehr schöne Erfahrung, weil die Leute im Dorf sehr dankbar für diese Arbeit sind und es sich trotz Hitze echt gut anfühlt, etwas allgemeinnütziges zu tun. Für die kommende Woche haben wir wieder eine Unterkunft in Otres Village und haben somit mehr oder weniger auch gut in das chinesische neue Jahr gestartet. Eigentlich doch recht gut? Mit einem Dach über dem Kopf und einem Welpen im Bett. Und so lassen wir alle das alte Jahr noch einmal hinter uns und lassen die Chinesen noch ein paar Tage weiterfeiern.

grosser welpe

Ich wünsche allen einen guten Start in das Jahr des Hundes!

 

 

 

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