Von Don Det- willst du nicht mehr weg

dondet

Ich falle beinahe von meinem wackligen, alten Fahrrad, als mitten im Nirgendwo auf einer kleinen Insel im Mekong mein kleiner Bruder auf mich zufährt. Sein Shirt flattert lässig im Fahrtwind, während er grinsend sein Motorrad über den staubigen Sand fährt. Er nickt mir zur Begrüssung zu und ich kann mich nur noch knapp davonabhalten laut „BENJAMIN!“ zu rufen und schon ist er an mir vorbei. Da die Bremsen des rostigen Gefährts, welches ich mir heute für 1.20 CHF ausgeliehen habe, nicht funktionieren, bremse ich mit meinen Füssen und blicke dem jungen Mann verwirrt nach. Mit seinem dunkelblonden, buschigem Haar, seinem ebenso buschigen Bart und diesen himmelblauen Augen, ist er ohne Zweifel ein perfektes Ebenbild meines Bruders.

Nach zwei Monaten darf man seine Familie ja wohl etwas vermissen, eine Wahnvorstellung war er aber nicht!

Ich wische mir den Schweiss von der Stirn, drücke wieder in die Pedale und fahre über den unebenen Landweg Stephen hinterher. Es gibt weder richtige Strassen, noch Autos auf der Insel und so hört man kein einziges Hupen, was nach all den asiatischen Grossstädten eine wahre Wohltat für unsere Ohren ist. Die meiste Zeit hören wir nur unsere zwei klapprigen Velos und leises Vogelgezwitscher. Ab und zu kommen wir an einem kleinen Dorf vorbei, wo kleine Kinder uns beim Vorbeifahren zu winken und aufgeregt „hello!“ rufen. Der Mekong fliesst ruhig um die Insel und man sieht friedlich kleine Fischerboote vor sich hin tuckern. Wasserbüffel stehen bis zum Kopf im Wasser und schauen uns gleichgültig beim Schwitzen zu. Kühe laufen herdenweise über die kleinen Wege, durch sämtliche Gärten und sogar durch das kleine Hauptdorf mit den vielen Restaurants und Gasthäusern. Man nennt die 700 Kilo schweren Huftiere nicht ohne Grund die Königinnen der Strassen. Auf dem Festland verursachen sie Stau auf den Autobahnen und lassen sich auch mit lautem Hupen und Geschrei nicht aus der Ruhe bringen. Hier sind sie noch entspannter als sonst und bilden mit den anderen Tieren ein Bild des Friedens. Schweine liegen laut schnarchend im Schatten der vielen Bäume, Hühner und ihre Küken wandern munter durch die Gärten, Hunde spielen mit einander und Katzen schleichen durch jedes noch so kleine Loch.

Ein paar mal essen wir in einem kleinen, abgelegenen Restaurant am anderen Ende der Insel und besuchen den Nong Beach. Es hat kaum, wenn überhaupt, Leute und der Sand ist fein, wie vermutlich jener in der Karibik. Noch nie in meinem Leben habe ich das Meer so wenig vermisst wie hier. Der Mekong bietet eine wunderbare Abkühlung an heissen Tagen und plätschert hier mindestens so paradiesisch, wie sonst Meeresrauschen klingt. Stephen und ich machen etwas Yoga und träumen davon, wie schön es wäre, einfach hier zu bleiben. Doch unser Visum läuft bald ab und um eine Verlänegrung zu beantragen müssten wir etwa 15 Stunden mit dem Bus zurück in die Hauptstadt fahren. Eine andere Option wäre es, aus Laos zu reisen und ein neues Visum zu beantragen, doch auch das wäre aufwändig. Wir werden aber bestimmt zurückkommen.

Am Abend essen wir oft im „Adam’s place“, ein Restaurant mit typisch tiefen Tischen, Teppichen und Kissen, wo man es sich gerne gemütlich macht. Allgemein geben sich alle Restaurantbesitzer Mühe mit der Einrichtung. Man fühlt sich überall willkommen und geschätzt. In einem unserer anderen Favoriten, dessen Name ich leider vergessen habe, hängen überall Schilder mit positiven Sprüchen. Die skandinavischen Besitzer stellen uns stolz ihren gesunden Wheatgrass-shot vor. „Good shit“ meint er, sie entschuldigt sich dafür, dass sie momentan kein frisches Weizengras haben und Pulver verwenden müssen. Wir trinken das grüne Wundermittel, das in einem Shotglas so viel Grünzeug enthält, wie 1kg Grünkohl.

An unserem letzten Abend gehen wir nach dem Abendessen im „Adams’s“ an eine Strandparty beim „Easy Go Hostel“. Wir spazieren 20 Minuten durch die Nacht mit Licht, welches nur von unseren Smartphones kommt. Im Dunkeln treffen wir auf einen Mann aus Südamerika und seiner Freundin aus China. „I am a Decalingual.“ Verkündet er stolz. Ich kann es nicht sehen, doch ich weiss, dass auch Stephens Augenbrauen sich zusammenziehen. „That means I speak 10 languages.“ „Aha.“ „French, Italian, Spanish, Chines (etc.) … Next I want to learn Russian.“ Er redet und redet bis wir beim Easy Go angekommen sind und dann sind die beiden auch schon in der Menge verschwunden. Irgendjemand dachte wohl so ein Lagerfeuer wäre die ultimative Idee für diese tropische Nacht. Wir gehen zur Bar, wo Beni fröhlich den Barkeeper macht und mit allen Partygästen rumwitzelt, bestellen zwei Bier und gehen danach weiter zum Flussufer- weit weg vom Feuer, so wie alle anderen. Später oben in der Bar selbst treffen wir auf drei Frauen, die gerade aus Kambodscha angereist sind und wir tauschen Reisetipps aus. Die Kolumbianerin bringt mir Domino bei. Bis zu dem Zeitpunkt dachte ich stets, dass das Spiel mit dem ähnlichen Namen, bloss Steine sind, die man hinstellt und wieder umwirft. Doch ich werde eines Besseren belehrt. „BOOM!“ Ich schlage den Dominostein hart auf den Tisch und lege meine Seite mit den drei Punkten an die Seite mit ebenfalls drei Punkten der Kolumbianerin. „Yas Girl, this is Columbia style!“ Sie strahlt mich zufrieden an.

Es ist stockdunkel, als Stephen auf dem Heimweg seine Handytaschenlampe kurz ausschaltet. Die Sterne funkeln hell am Himmel und es scheint, als gäbe es über Don Det mehr davon als sonst irgendwo. Ich werde arg aus diesem magischen Moment gerissen, als es im dunklen Busch neben mir raschelt. Sofort denke ich an die kleine Schlange, die wir am Morgen gesehen haben. „Eine kleine Schlange raschelt aber weniger. Oh je, es muss etwas grosses sein!“ Denke ich noch verunsichert und in dem Augenblick hat es mich auch schon erwischt. Etwas ist an mein Bein gesprungen. Ich erstarre. Stephen leuchtet mit der Taschenlampe und wir fangen beide an zu lachen. Ein winzig kleiner Welpe springt aufgeregt um unsere Beine und wedelt mit seinem viel zu kleinen Schwänzchen. Es stellt sich heraus, dass das Kidnappen von Welpen gar nicht so schwierig ist. Der kleine tapst uns fröhlich mit seinen kurzen Beinen hinterher. Ich habe dann aber doch ein schlechtes Gewissen und wir bringen ihn schweren Herzen zurück zu seinem Hof.

Auch schweren Herzens verlassen wir am nächsten Tag die traumhafte Insel und lassen Laos hinter uns.

dondetsunset

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