Andere Länder, andere Sitten

ankunftimdorf

Als wir am Morgen erwachten, konnten wir ihn schon hören, wollten es aber noch nicht glauben. Stephen hat sogar von ihm geträumt, doch als wir dann die Tür öffneten und in den unbedachten Flur kamen, waren wir einfach nur entsetzt. Es regnet. Schon wieder!

Da wir eine Hop on- Hop off Bus Tour machen, können wir jederzeit an einem Ort bleiben und einen oder mehrere Buse später wieder mitfahren. Wir gehen unsere Optionen durch. Es meldet den ganzen Tag Regen und wir werden den ganzen Tag auf dem Mekong Fluss sein. Das könnte ungemütlich werden und ist doch schade, wegen der schönen Landschaft. Wir könnten aber auch drei Tage in Houay Xai bleiben und auf den nächsten Bus (und besseres Wetter) warten. Doch das Dorf an der Grenze hat nicht allzu viel zu bieten. „Was würden wir heute tun?“ Frage ich und wir beide grübeln kurz darüber nach. „Essen, schlafen und in die Bar gehen.?“ Schlug Stephen vor. „Und morgen?“ „Schlafen, essen und in die Bar gehen?“

Wir entscheiden uns dann doch trotz Regen das Boot zu nehmen.

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Ruhig tuckert das traditionelle Holz Boot durch den Regen den Mekong Fluss hinunter. Der Kapitän, seine Frau und sein Sohn schauen gut zu uns und kochen simple, doch schmackhafte Gerichte. Der Regen stört im sicheren Boot niemanden, man könnte sogar sagen, er gibt dem ganzen etwas Magisches. Es ist als würden wir durch ein Wunderland fahren, so viel unberührte Natur; nichts als Wasser und Dschungel. Nach fast 9 Stunden erreichen wir ein abgelegenes Dorf. Bevor wir das Boot verlassen, werden uns noch einmal die lokalen Sitten eingehämmert:

  • Erlaube immer den Ältesten sich zuerst zu setzen und zu essen.
  • Frauen dürfen keine Bikinis, keine kurzen Röcke, keine Shorts oder Spaghettiträger-Tops tragen.
  • Männer schütteln einander die Hände, Frauen verbeugen sich.
  • Trage niemals einen Hut im Haus.
  • Zeige nicht mit dem Zeigefinger, zeige mit deiner rechten Hand, die Handfläche nach Oben.
  • Physische Zuneigung, wie Umarmen und Küssen, ist in der Öffentlichkeit Tabu.

Sich an all diese Regeln zuhalten, ohne die konservativen Menschen im Dorf zu beleidigen, schaffen wir das?

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Matsch klebt an meinem Gesicht, als ich mich durch den Dschungel kämpfe. Es ist stockdunkel und der Regen scheint nicht nachzulassen. Von weitem höre ich Trommeln, das wütende Geschrei tobt hinter mir her und mein Herz schlägt so fest es tut richtig weh in meiner Brust. Ich keuche und huste, als ich mich einen schlammigen Hügel hochwälze. Meine Beine zittern, doch ich stampfe weiter. Gotts sei Dank, der Fluss! Ich kann den Fluss sehen! Hoffentlich kann ich rechtzeitig ein Boot los machen und mich den Mekong Fluss hinab in Sicherheit paddeln. Ich rolle durch den Dreck hinab ans Ufer, rapple mich wieder auf und renne die letzten Hundert Meter zurück zum kleinen Hafen. Doch die Meute hinter mir wird immer lauter.

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Das spielt sich (zum Glück) nur in meinem Kopf ab, während sich unsere Gruppe bereit macht ins Dorf aufzubrechen.

„Kannst du mir kurz helfen?“ Fragt Stephen, der versucht seinen Regenponscho über sich und seinen Tagesrucksack zu ziehen. Ich packe mit meinen Fingerspitzen das dünne Plastik und ziehe es vorsichtig, ohne dass es reisst, über den Rucksack. Er hilft mir auch bei meinem.“Nun sehen wir aus wie bunte Schildkröten.“ denke ich und drehe mich um zu Stephen, der anstelle eines Gesichts nur noch blaues Plastik um den Kopf hat. Er hat ihn verkehrt rum angezogen, da wir aber langsam die Letzten sind, bleibt keine Zeit mehr ihn zu drehen. Ich kann mich vor Lachen kaum halten. (siehe Zeichnung ganz oben).

Wir wandern durch das schlammige Ufer den Hang hinauf zum Dorf. „uuaaaah no!“ Der lustige Engländer rutscht aus und landet im nassen Matsch. Wie Pinguine bahnen wir uns alle der Reihe nach einen Weg durch die Dunkelheit. Einer der Australier trägt seine Flip Flops, der Matsch quillt unappetitlich zwischen seinen Zehen durch. Als wir endlich oben ankommen, sind wir alle etwas ausser Puste und richtig, richtig dreckig.

Der Chief des Dorfes erwartet uns vor seiner einfachen Hütte. Er begrüsst uns mit einem grossen Lächeln und fängt dann an mit unserem Guide Pat über die Zimmerzuteilung zu diskutieren. Der Chief zeigt auf uns Frauen, dann auf die Männer. Der Guide winkt ab und zeigt der Reihe nach auf die drei Pärchen. Nun winkt der Chief und schüttelt seinen Kopf. Die beiden diskutieren weiter schnell, aber freundlich weiter über unser Schicksal. Dann wendet sich Pat auf Englisch wieder an uns.

Eigentlich werden Männer und Frauen beim Schlafen getrennt untergebracht, er mache aber eine Ausnahme, damit die Paare mit einander REDEN können. Stephen und ich werden einem Haus zusammen mit der Schwedin zugeteilt. Sie dient als Anstandsdame und soll zwischen uns schlafen. Der Lehrer aus Neuseeland, der in den Flitterwochen ist, schläft in einem Zimmer mit dem Alleinreisenden Engländer. Seine Frau, soll zwischen dem Australischen Pärchen schlafen. Wir versuchen uns etwas ungeschickt ein Lachen zu verkneifen. Doch der Chief ist nicht beleidigt und führt uns zum Gemeinschaftshaus, wo bereits die Dorfältesten warten. Auf bunten Teppichen sitzen auf einer Seite die Frauen am Boden, die Männer auf der anderen Seite. Die drei ältesten Männer sitzen auf einem Bänkchen. Wir ziehen unsere schlammigen Schuhe aus, stellen die Regenschirme an die Wand  und dann stolpere ich als erste vor die Gruppe. Mit einem unsicheren „Sab ai dii“ verbeuge ich mich und stehe unbeholfen rum bis auch alle anderen im Holzhaus sind. Eine Frau zeigt lächelnd auf die Teppiche in der Mitte und so setzten wir uns um einen Turm aus Blumen und Fähnchen, geschmückt mit einer Kerze. Der Mönch sitzt fast neben mir. Wir werden angewiesen auf unseren Knien zu sitzen und die Füsse weg von der Mitte zu haben. Den meisten ist das sehr unangenehm und wir beneiden die Ältesten um ihre bequeme Holzbank.

Ruckartig rutschen die Dorfbewohner von hinten nahe an uns ran und fangen an auf Laotisch zu beten. Ich erschrecke und hüpfe auf meinen Knien in Richtung Blumen. Wie die anderen fasse auch ich mit drei Fingern den Tellerboden an, auf dem de Blumen stehen. Nach dem gemeinsamen Gebet wird in Bananenblätter eingepackter Sticky Rice an unsere Gruppe verteilt. Eine kleine Babybanane gibt es dazu, doch ich freue mich zu früh über den feinen Snack. Eine Frau holt eine grosse Flasche selbst gebranntem Reis Whisky und zwei Gläser hervor. Mir wird schon bei der Vorstellung jetzt zu shoten übel. Die Neuseeländerin neben mir schluckt auch entgeistert und probiert wie ich tapfer weiter zu lächeln als man uns die zwei randvollen Shotgläser anbietet, die wir nicht ablehnen können. Der Whisky brennt innerlich und ich beisse hastig in meinen süssen Reis. Huff geschafft. Mit Tränen in den Augen lächle ich erleichtert, doch mein Lächeln erstarrt, als der Mönch eine weitere Runde Shots anordnet. Zum Glück habe ich noch etwas Banane, um den Geschmack in meinem Mund loszuwerden. Und dann zum Entsetzen aller gibt es sogar noch eine dritte Runde… Nachdem wir den Whisky mehr oder weniger gut überstanden haben, geht die Baci Zeremonie weiter. Alle Dorfältesten knien singend um uns und binden uns insgesamt je 32 weisse Baumwohlfäden um unsere Handgelenke. Diese repräsentieren die 32 Komponenten der Seele und sollen uns beschützen und Glück und Gesundheit bringen.

Nach der Zeremonie sitzt unsere Gruppe vor der Hütte des Chiefs. Er verkauft uns Lao Bier und wir reden über die Erfahrung. Ein paar jüngere Dorfbewohner und deren Kinder kommen neugierig zu unserem Tisch und der Engländer verteilt den Kleinen Kekse und Mentos. Um 20:30 Uhr wird es ruhig, es ist Schlafenszeit im Dorf. Wir dürfen noch bis 21:15 Uhr beim Chief bleiben und werden dann in unsere Familien verteilt.

Während Stephen, die Schwedin und ich uns fürs Bett parat machen, schaut unsere Gastgeberin immer wieder ins Zimmer um ja sicher zu gehen, dass alles nach dem rechten zugeht.

Heimlich treffe ich mich noch mit Stephen am Rand des Dorfs für einen Gutenachtkuss und lege mich dann zur Schwedin auf die harte Matratze auf den Boden. Bis um 4:00 Uhr schlafe ich dank dem Whisky tief durch. Dann geht das Hahnenkonzert los und um 7:30 Uhr klingelt auch schon unser Wecker, wir verlassen das Dorf und reisen reich an Erinnerungen weiter den Mekong Fluss hinunter nach Luang Prabang.

 

 

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