Domi allein in Domo Teil 2

Liebes Tagebuch 8. Mai 2017

Numa’s Bellen weckte mich am frühen Morgen und so ging ich mit ihr in den Garten der Villa. Das Gras war noch nass und die Luft noch angenehm kühl. Ich schlenderte vorbei an Pavillons und gemütlichen Sitzecken versteckt unter Traubengewächsen. Seelenruhig stand ich da und beobachtete meinen Hund beim Beschnüffeln und Erkunden des Gartens. Als die Sonne langsam immer weiter am Himmel empor wanderte entschloss ich den Tag mit einem Lächeln und jenem inneren Frieden, von dem man sonst liest,  zu starten und dann, ja dann kotze mein kleiner Hund mir das ganze Bett voll.

Nach den Putzarbeiten sah ich mich ein wenig im Zimmer um und fand in der Schublade eines alten Holztisches merkwürdige verstaubte Gegenstände. Ich fand eine Kiste mit Karten und daneben einen spitzen Dolch. Ich nahm die Karten aus der Kiste und erkannte diese als Tarortkarten. Ich habe keine Ahnung wie man Tarortkarten legt, spielte jedoch damit rum und legte fünf Karten offen auf den Tisch. Welch frustrierender Anblick. Vernachlässigung und Krise, Eifersucht und Misstrauen, ein einsames Mädchen im Wald, drei Betrunkene und eine Frau, die vor einem kleinen Holztisch sass und sich bei dem Anblick der Karten vor ihr geschlagen an die Stirn fasste. Ich fasste mir ebenfalls an die Stirn und sah hinunter in die Schublade zu dem spitzen Dolch. Wer ist auf die Idee gekommen so frustrierende Karten mit einem Dolch in einem Hotelzimmer zu verstecken. Ich entschloss, dass ich auf so einen verrückten Morgen erst einmal etwas essen musste.

Numa wirkte wieder munter und lief im zickzack vor mir die Treppe runter. Das Rudel der Hausherrin begrüsste sie herzlich, mich dagegen nahmen sie eher beiläufig zur Kenntnis. An einem Fenster hinter der Küche stand ein Tisch reichlich bedeckt mit Speisen und drei Tellern. Eine Frau sass bereits dort und ich setzte mich zu ihr. Muriel kam von Belgien und war genau wie ich auf der Suche nach etwas Ruhe vom Alltag. Wir redeten während den ersten paar Minuten auf Französisch, als Nadine dazu stiess wechselten wir auf Englisch. Nadine arbeitete im Wallis und war einer einsamen Alphütte entflohnen. Und schliesslich fragte ich mich: „Sind wir alle auf der Flucht vor dem selben Alltag? Oder sind wir auf der Flucht vor uns selbst, weil wir alle mit unserem Alltag nicht mehr klarkommen?“

Nach dem üppigen Frühstück ging ich zurück in das mystische Zimmer und beschloss von diesem Whirlpool zu profitieren. Als ich mir ein paar Tücher zurecht legte, fand ich noch mehr merkwürdige Dinge: ein Mammut aus Ton, ein Wahrsagerpendel und vier oder fünf Revolver, die jedoch hinter einer Glaswand eingesperrt waren. Ich zuckte die Schultern und wunderte mich etwas darüber wie wohl ich mich in diesem verwunschenen Zimmer fühlte. Ich badete und hörte dazu von einem CD-Player irische klassische Musik. Numa schlief derweilen wie ein echtes Schosshündchen im rosa Himmelbett. Es war wunderbar. Nach dem Bad schlief ich noch einen Moment neben ihr und machte mich dann auf den Weg zurück nach Domo. Ich fand dieses süsse, vegane, total unschicke und deswegen sympathische Lokal an der Piazza. Nachdem ich gegessen hatte, lief ich gestärkt durch das Altstadtlabyrinth. Ich fühlte mich sorgenlos und doch etwas nervös. Und ich dachte nach. Möchte ich nur hier entspannen oder möchte ich eine Veränderung für mein Leben zuhause. Und plötzlich blieb ich neben diesem Brunnen in einem kleinen Hof zwischen zwei Seitengassen stehen und sank zu Boden. Ich nahm mein Tagebuch und meinen Stift aus der Tasche und schrieb solang alles aus meinem Kopf bis meine Finger wehtaten und mir die Sonne nicht mehr als Lichtquelle diente.

„20:00 – sitze auf der Piazza Mercato mit einem Glas Moscato und einer selbstgedrehten Zigarette, schaue den Kindern beim Spielen zu, sehe all diese Leute in der Sonne durch die italienischen Gässchen schlendern und frage mich: Wann ist das passiert? Wann wurde ich so erwachsen um nun hier so zu sitzen? Ganz allein in Domodossola…“

Ich fühlte mich nach dem Schreiben, nach der zweiten (diesmal metaphorischen) Kotzattacke an dem Tag, viel besser. Ich fand für jede meiner Alltagssorgen eine Lösung. So mit genügend Abstand sieht alles ganz anders aus und ich kann jedem nur empfehlen alleine wegzugehen und sich seinen Problemen zu stellen. Man kann mehr verändern, wenn man konkret weiss, was genau verändert werden muss. Das „wie“ ergibt sich dann von selbst.

Ich verbrachte den Rest des Abends damit guten Rotwein zu trinken, Bruschetta zu essen und meine verbleibende Zeit in vollen Zügen zu geniessen.

„Mitternacht – Habe gerade gegen mich selbst im Schach gewonnen… oder  auch verloren, je nach dem wie man es nimmt. War mir nicht sicher ob ich mehr für schwarz oder für weiss war. Irgendwie fehlt mir gerade Harry Potter. Habe echt nur dieses merkwürdige Zimmer um meine Gedanken zu beschäftigen. Okay, denke das war genug Zeit in der Isolation. Was fange ich nur mit mir an so ohne Bücher, Netflix und Instagram? Meine Hand tut schon weh vom Schreiben, vielleicht hätte ich doch noch eine Flasche Wein kaufen sollen..“

„Keine Ahnung wie spät es ist, aber die Sonne geht schon bald auf. Das Zimmer ist echt hübsch, doch die Möglichkeiten sind begrenzt. Tarort ist nicht so mein Ding. Habe versucht ein Buch zu lesen. Ja, habe ganz viele gefunden hinter dem Holztisch. Nach einer Weile war mir das jedoch zu anstrengend auf italienisch zu lesen. Das einzige französische Buch, welches ich bisher gefunden habe, ist „L’étranger“ von Albert Camus. Und das ist erstens noch frustrierender als diese Tarortkarten und zweitens haben wir das viel zu lange in der Schule durchgekaut.“

„Habe gesündigt. Ich habe ein Bubble Spiel auf meinem Urzeit-Telefon gespielt. Oh und ich fand ein weiteres französisches Buch! Es heisst: Quand j’avais cinq ans je m’ai tué. Auch nicht soooooo motivierend.“

„Gute Nacht.“

 

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